Jungle-medicine

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. In Shell war eigentlich alles noch recht fortschrittlich und das Krankenhaus war zwar ziemlich klein aber sehr sauber und ganz nett gestaltet. Fortschrittlich soll heißen, es wurde immerhin mit Computer gearbeitet, nicht ganz so fortschrittlich waren dafür die Rollstühle (siehe Fotos). Das Krankenhaus hat auch schon mal aktivere Zeiten gesehen, so stehen die Stationszimmer die meiste Zeit leer und auch die beiden Operationssäale werden nur semiregelmäßig bespielt. Früher war das Krankenhaus das einzige hier in der Umgebung, außerdem war bis vor kurzem ein Dr. Wolff Chefarzt, der anscheinend viel operierte und extra seinetwegen kamen damals viele Patienten nach Shell. Treibende Kraft ist hier der Niederländer Dr. Jacob Bezemer. Vater von 6, Priester einer Kichwa Gemeinde (in der er auch lebt), Missionar, Leishmaniose-Experte und seit 10 Jahren unbezahlter Arzt in Shell. Er ist zwar ein etwas merkwürdiger Mann, aber man kann viel von ihm lernen und er ist auch sehr freundlich. Montag und Dienstag verbrachten wir viel Zeit in seinem Ambulanzzimmer, um noch so viel wie möglich zu lernen bevor wir tiefer in den Regenwald aufbrechen (mit manchen Patienten redete er Kichwa, da erklärte er uns dann im Nachhinein den Fall). Wir haben auch direkt am ersten Tag einige seltenen Krankheiten gesehen: Leishmaniose, ausgeprägter Pilzbefall, Denguefieber, Miasislarve im Auge. Im Prinzip war aber nicht sehr viel los in der Ambulanz, was uns ermöglichte an den Nachmittagen ein paar der unzähligen Wasserfälle zu erkunden.

Am Mittwoch ging es dann kurz nach 7:00 los mit 2 Autos nach Arajuno, ein kleines Dorf das aber doch immerhin per asphaltierter Straße zu erreichen war und wo es zumindestens ein paar Geschäfte usw. gab. Organisiert wurde das ganze von einer evangelischen Organisation (Compassion Ecuador), deren Einheimischen Mitarbeiter uns organisatorisch unterstützten. Unser Feldquartier war eine Schule, in dessen größten Raum ein paar Stofffetzen als Raumteilung hingen und Plastiksessel und Stühle standen. Untersuchungsliegen gab es keine, falls notwendig wurden die Kinder gebeten sich auf den Tisch zu legen. Jedes Kind wurde zuerst abgewogen und vermessen, eines der Hauptaugenmerke war die Kontrolle des Wachstums mit altersentsprechender Wachstumskurve. Außerdem bekamen sie alle 10 Paracetamol geschenkt, sowie eine einmalige Entwurmungstherapie. Die meisten Kinder waren zwischen 8 und 15 Jahren alt, einige (Teenage)-Mütter kamen auch mit ihren Säuglingen.

Für den Doc Jhon, die Krankenschwester Naty, 2 Mitarbeiter:innen von Compassion und uns Zwei ging es jedoch dann nochmal mit einem Taxi weiter zur Atakapi-Gemeinde. Dafür mussten wir ungefähr 1,5h eine nur mit 4WD bewältigbare Schotterstraße entlang fahren und auch 2-3 Flüße durchfahren. Der letzte Fluß erwies sich als zu tief, sodass wir zu Fuß queren mussten und dann noch ca 20 Minuten gingen. Angekommen in der Gemeinde, rief Raul alle Kinder in die Versammlungshütte und es wurden erstmal 2-3 christliche Kinderlieder gesungen. Dann bekamen wir leckeres (🥲) Amazonasessen aufgetischt, wir bekamen in Shell erklärt, dass es in deren Kultur mega unfreundlich ist, etwas Angebotenes abzulehnen, daher blieb uns nicht viel anderes über als reinzuhaun. Danach ging es schon ans Werk. Die kleine Dorfkapelle wurde zur Ambulanz umfunktioniert, Jhon erklärte uns sehr kurzgehalten was wir überhaupten bei den Kindern machen sollten und los gings. Da es nicht viel Platz gab, saß Jhon uns aber ohnehin gegenüber und konnte uns immer helfen wenn wir mal nicht weiter wussten. Insgesamt waren wir schon sehr überfordert, aber taten unser Bestes den allgemeinen Gesundheitszustand der Kinder einzuschätzen, und dementsprechend die notwendigsten Therapien/Diagnostik zu verschreiben. Wir hatten auch gar nicht viel medizinische Ausrüstung mit, das Ziel war demnach nicht vor Ort zu Therapieren. Grundsätzlich muss man leider sagen, dass die Kinder schon großteils untergewichtig waren (auch wenn ich mir unsicher bin ob die Wachstumskurve an die ecuadorianische Durchschnittsgröße angepasst wurde). Außerdem hatte fast jedes Kind Husten, Bauchweh oder sonstige kleinere Beschwerden. Nach grob 4h und 40 Patienten, waren wir fertig und es hieß wieder zurück zum auf uns wartenden Taxi. Am Rückweg blieben wir noch bei einem Haus stehen, dessen beiden Kinder nicht erschienen sind. Sie waren auffindbar, daher schauten wir sie mitten auf der “Straße” noch kurz an. Das eine Kind hat Trisomie21 und bräuchte dringen regelmäßige Sprachtherapie, der Weg nach Shell/Puyo sei aber zu schwierig sagten die Eltern :(. Um ca 20:00 waren wir dann zurück in Arajuno und erfuhren nach einem wohltuenden Abendessen, dass wir doch nicht in Zelten auf dem Fliesenboden schlafen müssen, sondern in einem Hotel untergebracht werden. Die Freude über eine Dusche und ein Bett war groß.

Am nächsten Tag musste ein bislang unerwähnter Arzt und zwei “KPJ”-Studentinnen prüfungsbedingt um 10:00 wieder zurück fahren, also wurden wir voll eingespannt. Von ungefähr 9:30 bis 19:30 haben wir durchgehend mit nur einer einzigen Pause fürs Mittagessen Kinder untersucht. Die nicht ganz so hohe Patientenzahl in unserem Ambulanz”zimmer”, lag daran, dass der Doc Jacob immer noch einmal drüber schaun wollte und wir öfter mal ein wenig auf ihn warten mussten. Aber dadurch haben wir auch strukturierter und ordentlicher arbeiten können, als am Vortag, wo alles sehr improvisiert, wild und unbürokratisch ablief. Jedenfalls schafften wir 28 Kinder, von denen einige gesundheitlich etwas besser dran waren, als die Kinder aus Atakapi, aber dennoch die Armut spürbar war. Etwas, was ich nicht vergessen werde, ist, dass wir die Frage “Hast du schon Kinder?” bei 14 jährigen Mädchen nicht alibi-halber gestellt haben. Achja, als weniger traurige Anmerkung werde ich auch nicht vergessen, dass Doc Bezemer manchmal Patienten um Erlaubnis bat, für sie zu beten. Nach getaener Arbeit gings wieder zurück ins Hotel, Duschen, Schlafen.

Am nächsten Tag haben wir schon um 8:00 begonnen und hätten eigentlich geplant gehabt um 14:00 abzureisen. Aufgrund von einer Fehlkommunikation wurde den Gemeinden aber gesagt, dass wir bis um 18:00 da bleiben würden. Gegen 16:00 kamen dann allerdings keine neuen Patienten mehr, so dass wir anfangen konnten abzubauen. An diesem Tag schafften wir 20 Patienten. Insgesamt waren es um die 350-360 Kinder, die untersucht wurden. Ich glaube, Viktoria und ich haben einiges gelernt in diesen Tagen, unter anderem auch selbstständiges Arbeiten und Diagnose mit limitierten Mitteln. Es war eine wirklich coole, unvergessliche und bewegende Erfahrung und ich bin sehr dankbar, dass uns diese ermöglicht wurde. Saumüde, fielen wir Freitagabend ohne Abendessen um kurz nach 20:00 zufrieden ins Bett.

Samstag frühstückten wir im Cafe von einem amerikanischen Missionär und schauten uns dann noch zwei Tourispots in der Umgebung an um auch bisschen was von der Gegend gesehen zu haben. Abends freuten wir uns auf eine Pizza in einem Lokal, dass uns von einem Mitarbeiter aus dem Hospital Shell empfohlen wurde. Leider war sie nicht sonderlich gut… Und jetzt sitzen wir gerade im Bus zurück nach Quito. Sonderlich freuen tun wir uns nicht auf die Klinik, aber als Lichtblick dient unser baldiger Urlaub auf den Galapagosinseln (28.4.-6.5.).

Mikrowelle, äääh Neugeborener-Inkubator
Improvise-adapt-overcome
Doc Jacobs Ambulanzzimmer
Cascada los kilos
El Pailon del Diablo
Feldquartier Arajuno
Hä wie jetzt, das sollen wir essen?
Rüsselkäferlarven mit Palmito
Abendstimmung in Atakapi
Der ursprüngliche Schlafplatz
Chefarzt Konsti am Werk 🤓
“Sterile” Bajalenguas
Etwas fertig mim Leben
Ganz li. Jhon, 3. v. li. Naty, mittig Jacob
Geilo
Mirador Indichuris
Cascada Hola Vida
Beautiful parrots
Waiting for the bus

One thought on “Jungle-medicine

  1. … ich weiß auch nicht wie ich anfangen soll, das was ihr erleben, erfahren und tun dürft ist was besonderes, einmaliges und bleibendes. also die erfahrung mit den rüsselkäferlarven, na mahlzeit… ob die so toll war, ist fraglich ;))) gute zeit weiterhin und bussi aus dem sommer

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